Eine weinselige Geschichte mit Epilog vom Weindoktor

Laut einer Umfrage des Magazins «Playboy» im Jahre 2010 ist «Essen und Trinken» die wichtigste Nebensache der Welt, notabene vor dem Sport und dem Sex. Deshalb ist es wohl nicht vermessen, zu behaupten, dass der Genuss von Wein viele Leute in durchaus angenehmer Weise berührt. Allerdings wird es für Laien immer schwieriger, sich angesichts des immensen Angebots zurechtzufinden. Deshalb gibt es eine zunehmende Anzahl von Leuten, die sich nicht an ihrem Geschmack sondern an bekannten Etiketten orientieren, sogenannte Etikettentrinker. Derart läuft man bei einer Einladung kaum Gefahr, sich blosszustellen. Passt der Wein nicht, kann man getrost auf das (bekannte) Label verweisen. Zugegeben, auch ich trinke gerne und durchaus mit Genuss derartige Weine. Trotzdem sollte man die Ruhe und Gelassenheit finden, um sich auch mit weniger bekannten Weinen auseinanderzusetzen. Ich bin überzeugt, dass manch einer neue Entdeckungen machen wird und nicht weiter den ausgetretenen Pfaden folgen muss. Hierzu möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen.

Es ergab sich an einem trüben Herbsttag, dass sich 5 Weinfreunde, alle gut vertraut mit der Materie, zu einer Blindverkostung eines Dutzends roter Weine trafen. Das Thema der Verkostung war, wie üblich, unbekannt und sollte erraten werden. Um den Fehler der Steigerung (der letzte Wein ist der beste und teuerste) auszumerzen, wurden die Weine von einer sechsten Person karaffiert, sodass selbst der Gastgeber nicht wusste, welcher Wein in welchem Dekanter schlummerte.

Die überaus interessante Verkostung nahm ihren Lauf und am Ende kam man zum Schluss, eine Reihe von Bordeaux-Assemblagen durchlaufen zu haben. Da die Weine in ihrer Art sehr unterschiedlich waren, lag der Verdacht nahe, dass diese in verschiedenen Teilen der Welt gekeltert worden waren. Dem war effektiv so. Interessant war dann aber die Auflösung. Und hierbei wollen wir uns des Etikettentrinkers und seiner Unfehlbarkeit erinnern.

Mit deutlichem Abstand an letzter Stelle figurierte der Sassicaia 2014 (Preis: ca. Fr. 150.-). Man könnte nun argumentieren, dass hier eine schlechte Flasche Eingang in die Verkostung gefunden hatte. Allerdings zeigte eine Verkostung in einer anderen Runde eineinhalb Jahren früher diesbezüglich das gleiche Ergebnis. Zur Ehrenrettung dieses Weins möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass mit dem 2015er Sassicaia ein absolut phantastischer Wein kreiert worden war, ein Wein der auch schon sehr früh zugänglich war. Im breiten Mittelfeld tummelten sich Gewächse von Ch. Léoville Barton 2015, Ch. Talbot 2015, Ornellaia 2014, Serre Nuove 2015, Seña 2014, Ch. Changyu Moser XV 2013 (aus China) und ein Oakville Cabernet Sauvignon 2014 von Mondavi. An zweiter Stelle figurierte der Praittenbrunn 2013 von Gayer & Scheiblhofer, was für Kenner jetzt nicht wirklich die riesige Überraschung war. Gross war dann aber das Staunen, als der Sieger aufgedeckt wurde. Es war der köstliche 2015er Sérillon Cabernet Sauvignon/Merlot von Hans-Jürg Schläppi (Preis: Fr. 28.-). Dieses Faktum ist einerseits deshalb bemerkenswert, weil der an der Rhône produzierte Wein nicht aus einem klassischen Anbaugebiet für Bordeaux-Assemblagen stammt. Andererseits wurde dieser von einem Hobbywinzer produziert, der sich die Kenntnisse autodidaktisch angeeignet hat und mit seiner Ehefrau Eva seit Jahren und mit grossem Engagement eine überaus bemerkenswerte Auswahl von Weinen von sehr konstanter Qualität in die Flasche bringt.

Epilog

Die in der Geschichte erwähnte Weinrunde existiert seit mehr als 20 Jahren. Man trifft sich zwei- bis dreimal pro Jahr zu einer nachmittäglichen Blindverkostung und vervollständigt das Event mit einem mehrgängigen Essen, das vom Gastgeber bestritten wird. Eines dieser langjährigen Mitglieder ist – Hans-Jürg Schläppi. Ausser dem Gastgeber kannte niemand die Auswahl der dargebotenen Weine. Dass Schläppi’s Assemblage im letzten Zweierflight stand, war reiner Zufall. Vielleicht hatte ihn aber aus gutem Grunde auch eine Fee dahingelotst. Aber diese Annahme gehört nun definitiv ins Reich der Fabeln und Märchen.